Weiterbildung als Erfolgsrezept

Barnaby Skinner
Ressortleiter Datenjournalismus
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Jede Innovation in der Kommunikationstechnologie bringt neue journalistische Ausdrucksformen hervor. Sie bereichern das Handwerk, fordern aber von den Journalisten immer neues Know-how.

Journalisten prüfen und verbreiten Information, Meinung und Unterhaltung in Massenmedien. Es gibt zu ihrer Aufgabe keine zwei Deutungen.

Worin journalistisches Handwerk genau besteht, dazu herrschen allerdings unterschiedliche Vorstellungen. Für die einen ist ein Journalist jemand, der aufmerksam zuhören, intelligente Fragen stellen und Interviews führen kann; für die anderen liegt der Kern des Berufs darin, elegante Texte zu schreiben; und für wiederum andere sind Journalisten diejenigen, die besondere Recherche-Techniken beherrschen.

Tatsächlich existierte bereits in den frühen Tagen der Geschichte der Zeitung kein Stellenprofil, das auf alle Journalisten zutraf. Vor 200 Jahren war ein Reporter der Pariser Wochenzeitung «Le Figaro» mit ganz anderen Aufgaben beschäftigt als ein Redaktor des Pariser Magazins «Revue Musicale». Der erstere schrieb Glossen und zeichnete Karikaturen von König Karl X., um das liberale Publikum der französischen Hauptstadt zu unterhalten und mit Satire Politik zu machen; der letztere war damit beschäftigt, die angesagtesten Maler, Musiker und Schriftsteller für Kolumnen zu gewinnen und ihre Texte für ein breiteres Publikum zugänglich zu machen. Zwei komplett unterschiedliche Stellenprofile. Beide waren Journalisten.

Der Beruf ist seither weitaus facettenreicher geworden. Treiber dieser Entwicklung ist der technologische Fortschritt.

Die Fotokamera brachte den Kriegsreporter hervor; oder den Journalisten, der sich darauf spezialisierte, Prominente fotografisch abzulichten, den Paparazzo. Die Erfindung des Radios ermöglichte im Jahr 1920 erstmals die Live-Berichterstattung. Das Fernsehen trieb diese Form weiter und machte die Medienerfahrung mit Bildern emotionaler. Heute können Journalisten aus allen Ecken der Welt in Echtzeit in Ton, Bild, Text von den Frontlinien berichten, egal ob es sich dabei um den Krieg in Afghanistan oder um eine Pressekonferenz auf dem Rasen des Weissen Hauses handelt.

Jede neue mediale Technologie hat Journalisten zusätzliche Werkzeuge in die Hand gelegt. Und Reporter, Redaktoren oder Autoren haben die Instrumente genutzt, um neue Formate zu finden mit dem Ziel, Information, Meinung und Unterhaltung einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Das geschah auch mit der Erfindung des Internets und mit dem darauf aufgebauten World Wide Web.

Damit die Zusammenarbeit zwischen Maschine und Mensch funktioniert, müssen sich Journalisten auf die Sprache der Nullen und Einsen einlassen.

Es gibt heute Kolleginnen und Kollegen, die es besonders gut verstehen, Inhalte in Kurztexte zu packen und beim Web-Dienst Twitter zu publizieren; andere sind Meister darin, Facebook-Communitys zu pflegen und dort Inhalte zu vermitteln; und wiederum andere haben gelernt, politisch oder gesellschaftlich relevante Geschichten in interaktiven Web-Grafiken zu erzählen. Alles journalistische Formen, die vor fünfzehn Jahren nicht im Ansatz existierten.

Trotzdem gibt es im Falle des Internets im Vergleich zu allen anderen medialen Innovationen einen grossen Unterschied. Die Innovation kommt nicht alleine. Sie wird von der Digitalisierung begleitet. Gesellschaft, Wirtschaft, Politik — nicht nur der Journalismus — befinden sich dabei, alles und jeden in Bits und Bytes zu wandeln. Damit das gelingt, muss die Welt in eine Sprache übersetzt werden, die Computer verstehen: in Nullen und Einsen. Die Folge davon: Der Journalismus bekommt neben neuen Ausdrucksformen auch neuen Inhalt. Zur Information, Meinung und Unterhaltung, die Journalisten via Massenmedien verbreiten, gesellen sich neu riesige Mengen an Daten. Sie sind das Rohmaterial der Information.

Im begrenzten Umfang hantierten Journalisten immer schon mit Daten. Doch sie waren bei deren Sammlung, Strukturierung und der Interpretation meist von Experten abhängig. Heute haben Journalisten einen neuen Partner bekommen: den Computer. Nun kann der Journalist dem Rechner die langweiligen oder besonders komplexen Aufgaben übergeben.

Damit die Zusammenarbeit zwischen Maschine und Mensch funktioniert, müssen sich Journalisten allerdings auf die Sprache der Nullen und Einsen einlassen. Sie müssen programmieren lernen. So können sie dem Rechner erklären, welche Daten er sammeln muss und wie er sie zu strukturieren hat, damit der Journalist — wiederum mithilfe des Rechners — Daten wie einen Interviewpartner befragen kann. So entsteht Information.

Am Ende sind es die Journalisten, die Sinn stiften: Tamedia-Mitarbeitende Nicolas Fäs, Jasmine Brönnimann und Dinja Plattner.

Programmierende Journalisten merken bald, dass sich ihre neue Sprachfertigkeit nicht ausschliesslich auf das Interviewen von Datensätzen beschränkt. Sie sind damit auch in der Lage, komplexe Datensammlungen zu visualisieren und Nutzern die Möglichkeit zu geben, selber mit den Daten zu interagieren. Es ist mit dem Programmieren wie mit jeder Sprache: Je besser man sie beherrscht, desto facettenreicher kann man sie einsetzen.

Auch zwischen der Aneignung von Computersprachen und Fremdsprachen gibt es Parallelen. Portugiesisch oder Italienisch zu lernen, braucht nicht nur Zeit; der Lernprozess ist höchst individuell. Manche Personen lernen in einem kompakten Intensivkurs am meisten. Andere, indem sie über Monate jeden Tag ein paar Stunden Zeit investieren. Manche nehmen am meisten in Gruppenarbeiten auf; andere, wenn sie für sich in der stillen Kammer lernen.

Diesen unterschiedlichen Bedürfnissen versucht Tamedia gerecht werden. Dieses Jahr schickt das Unternehmen bereits zum fünften Mal vier erfahrene Journalisten für vier Monate nach New York an die Columbia School of Journalism, um im Schnellverfahren die weltweit beliebteste Programmiersprache Python zu lernen.

Um in der sich schnell wandelnden Medienwelt relevant zu bleiben, gibt es keine bessere Investition in die Zukunft als diejenige in die Weiterbildung der Mitarbeiter.

Im vergangenen Dezember haben 25 Kolleginnen und Kollegen aus allen Unternehmensbereichen – nicht nur Journalisten – die interne Code Academy abgeschlossen. Die Lektionen der intensiven Weiterbildung fanden ein Jahr lang jeden Mittwochabend und an jedem zweiten Samstag statt. Die Teilnehmer lernten im Kurs, eigene komplexe Datenbanken und Online-Applikationen zu bauen.

Schliesslich unterstützt Tamedia die Teilnahme von vier Journalistinnen und Journalisten an der ersten Durchführung des Datenjournalismus-Lehrgangs der Schweizer Journalistenschule in Luzern. Der Lehrgang besteht aus einem zweiwöchigen Bootcamp und regelmässigen Blockkurstagen, die bis in den März andauerten.

Bei so viel Fokus aufs Programmieren besteht die Gefahr, dass bisherige journalistische Kernkompetenzen vernachlässigt werden. Um das zu verhindern, hat Tamedia — ebenfalls im vergangenen Jahr — zwölf redaktionsübergreifende Wissensnetzwerke geschaffen: etwa ein Netzwerk für Journalisten und Journalistinnen mit vertieftem Know-how von Interview-Techniken; oder eines für Journalisten mit starken Recherche-Kenntnissen. In diesen Netzwerken sollen journalistische Kernkompetenzen weiter geschärft werden.

Es ist die wohl wichtigste Erkenntnis, die sich in jüngster Zeit bei Tamedia durchgesetzt hat: Um in der sich weiterhin so schnell wandelnden Medienwelt als Unternehmen relevant zu bleiben, gibt es keine bessere Investition in die Zukunft als diejenige in die Weiterbildung der Mitarbeiter – insbesondere in die Weiterbildung derer, die journalistisch arbeiten. Denn am Ende ist es nicht Technologie, die Information vermittelt oder mit Daten Sinn stiftet. Das werden immer die Journalisten tun. Und je besser sie ihre Werkzeuge kennen, desto besser wird ihr Handwerk.


Podiumsdiskussion: Die Zukunft des Journalismus

Sinkende Auflagen, schrumpfende Werbung, rasante Digitalisierung, die Vertrauenskrise nach dem Fälscherskandal Relotius: Darüber diskutieren am 2. April: Mathieu von Rohr, Stv. Leiter Ressort Ausland «Spiegel»; Melinda Nadj Abonji, Schriftstellerin; Michael Marti, Chefredaktion Tamedia; Regula Rytz, Präsidentin Grüne und Diego Yanez, Direktor MAZ. Moderation: Sandro Benini, Tamedia.

2. April, 19.00 Uhr
Hauptgebäude Tamedia, Zürich
Tickets: hier bestellen

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