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Daten, Tempo, Kreativität

Armin Müller
Mitglied der Chefredaktion Tamedia
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Tamedia ist mehr als ein Medienhaus: 7 Thesen zum Transformationsprozess der Classifieds, Marketplaces und Ventures.

Innovationen erreichen uns immer schneller: Es dauerte mehr als 70 Jahre, bis die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer Zugang zum Telefon erhielt. Beim PC brauchte es noch rund 25 Jahre, beim Internet 10 und beim Smartphone waren es keine 6 Jahre mehr. Im ersten Internet-Boom in den späten 1990er-Jahren galt die Redewendung, dass ein Jahr im Internet vier Jahren in der realen Welt entspricht. Seither hat sich die Evolution der digitalen Welt nur beschleunigt.

Die Erwartungen der Kunden an Nutzen, Geschwindigkeit, Komfort und Erlebnis von Produkten und Dienstleistungen steigen ständig. Entsprechend müssen sich auch die Classifieds, Marketplaces und Venture-Aktivitäten der Tamedia kontinuierlich erneuern und weiterentwickeln – um so die Bedürfnisse ihrer Nutzer zu antizipieren und zu befriedigen.

Sieben Thesen illustrieren im Folgenden, welche Entwicklungen das Umfeld der Classifieds, Marketplaces und Venture-Aktivitäten prägen – und wie Tamedia die digitale Transformation vorantreibt.

1. Businessmodelle wandeln sich stetig

Die ersten Classifieds-Seiten bestanden mehr oder weniger aus Printanzeigen, die online gestellt wurden. Diese Zeiten sind längst vorbei. Sie haben sich zu vielseitigen Plattformen entwickelt, die den Nutzern sehr viel mehr bieten: interaktive Karten, umfassende Datenanalysen, komplexe Visualisierungen, Serviceleistungen und vieles mehr.

So bringt die Stellen-Plattform Jobcloud Arbeitgeber und Kandidaten zusammen, indem sie Rekrutierungslösungen entwickelt und Stellensuchenden umfassende Hilfestellungen und Inhalte für die Karriereplanung liefert. Auf Homegate, dem führenden digitalen Immobilienmarktplatz der Schweiz, kann der Nutzer zum Beispiel Häuser und Wohnungen auf einer 360-Grad-Video-Tour bequem von zu Hause aus besichtigen. Einen ähnlichen Komfort bietet die Autoplattform carforyou.ch für Autos.

Bei Ricardo wurden im vergangenen Jahr 4,88 Millionen Artikel verkauft – das heisst alle 6 Sekunden ging ein Artikel über den virtuellen Ladentisch.

Gleichzeitig diversifizieren sich die Angebote immer mehr in Richtung leistungsbasierte Abrechnungsmodelle: Der Kunde bezahlt für den Erfolg. So ist das Performance-Element beim Marktplatz ricardo.ch seit Herbst 2018 die primäre Angebotsform, das heisst der Verkäufer zahlt erst bei erfolgreicher Transaktion. Jobcloud bietet ein Modell an, bei dem der Firmenkunde nur die effektive Performance in Form von Klicks (Pay per Click), Kontaktaufnahmen (Pay per Lead) oder Bewerbungen (Pay per Applicant) zahlt.

Traten die Plattformen üblicherweise als Vermittler von Angebot und Nachfrage auf, machten also lediglich Käufer und Verkäufer miteinander bekannt, beginnen sie sich nun in Richtung Transaktionen hin zu entwickeln. Es gibt immer mehr Modelle, bei denen das eigentliche Geschäft auf der Plattform selbst abgewickelt wird. Bei Ricardo, dem grössten Schweizer Transaktions-Marktplatz, wurden im vergangenen Jahr 4,88 Millionen Artikel verkauft – das heisst alle 6 Sekunden ging ein Artikel über den virtuellen Ladentisch.

Gleichzeitig gibt es in vielen Branchen einen Trend hin zu Subskriptionsmodellen. Diese verstärken die Kundenbindung und generieren einen stetigen Einkommensstrom. Das Abonnement kann dabei als zweites Standbein neben den Werbeeinnahmen oder als primäre Monetarisierungsform eingesetzt werden. Letzteres geschieht häufig als Freemium-Modell, bei dem das Basisprodukt gratis angeboten wird, das Vollprodukt und Erweiterungen aber kostenpflichtig sind. So erhält der Kunde beim Online-Terminplaner Doodle im Premium-Modell neben Werbefreiheit und Verschlüsselung zusätzliche Funktionen für Kalendersynchronisation, Benutzerverwaltung oder Branding. Das Premiummodell des TV-Streaminganbieters Zattoo bietet dem Nutzer mehr Fernsehsender und Funktionen für zeitversetztes Fernsehen. Homegate und Tutti.ch bieten im Abo-Modell zum Beispiel Funktionen zur Erhöhung der Sichtbarkeit der Anzeigen und weitere Extras.

2. Der Enduser steht im Zentrum – und damit das Nutzererlebnis

Die Zeiten sind definitiv vorbei, in denen auch ein mittelmässiges Produkt mit genügend Marketingmitteln erfolgreich lanciert werden konnte. Die Enduser können heute aus einer Masse von Angeboten wählen. Sie erwarten nicht weniger als einzigartige Angebote und verlangen ein schnelles, bequemes, zuverlässiges und personalisiertes Nutzererlebnis. Ihre Optik und ihre Ansprüche definieren die Anforderungen an ein gutes Produkt.

Die konsequente Ausrichtung am Nutzer bedingt nicht nur einen entsprechenden Kulturwandel im Unternehmen, sondern erfordert auch immer mehr und spezialisiertere Fähigkeiten in Bereichen wie User Experience Research und Design.

Tamedia hat im vergangenen Jahr die entsprechenden Kompetenzen ausgebaut und ein gruppenweit tätiges Kompetenzzentrum aufgebaut, das alle digitalen Angebote des Unternehmens unterstützt.

3. Technologie wird anspruchsvoller – und einfacher

Komplexe Geschäftsmodelle und anspruchsvolle Produkte benötigen hochstehende technologische Lösungen. Durch die schnelle Veränderung der Marktanforderungen sind 50 Anpassungen pro Tag an einem Produkt, das Hunderttausende von Usern in der Schweiz täglich nutzen, nichts Aussergewöhnliches. So wurde zum Beispiel die Plattform von Ricardo.ch im vergangenen Jahr komplett erneuert.

Dazu braucht es nicht nur hoch flexible, sondern auch skalierende IT-Architekturen, die sich wachsenden Ansprüchen an die Leistungsfähigkeit anzupassen vermögen. Und insbesondere braucht es viele kompetente Talente. Tamedia erneuert deshalb nicht nur in grossem Umfang bestehende Plattformen mit hochmodernen Architekturen wie Microservices, sondern hat auch ein Entwicklungszentrum in Belgrad aufgebaut, das sich in andere Entwicklungsstandorte in Frankreich, Deutschland und Israel einreiht. Auf diese Weise kann das Unternehmen auch von den sehr starken lokalen IT-Ökosystemen in diesen Ländern profitieren.

Innovationen erreichen uns immer schneller: Tamedia-Mitarbeiterin Büşra Coskuner mit einer Virtual-Reality-Brille.

4. Daten sind das neue Öl

Richtig analysierte und genutzte Daten können für den Vorsprung im digitalen Wettbewerb sorgen. Ihre intelligente Nutzung ermöglicht die stetige Verbesserung von Produkten und Prozessen zum Nutzen der Kunden und liefert gleichzeitig die Grundlage für die Entwicklung von neuen, datenbasierten Geschäftsmodellen.

So wird mit modernsten Analysemethoden dem Kunden von carforyou.ch sofort angezeigt, ob ein Gebrauchtwagen im Marktvergleich eher teuer oder günstig ist – unter voller Berücksichtigung aller Extras, der Kilometerleistung und vielen anderen Aspekten.

Der breite Datenstrom kann wiederum für die Produkt- und Angebotsgestaltung genutzt werden.

Viele Anbieter im Markt haben den Nachteil, dass sie aus ihrer Geschäftsbeziehung nur einen spezifischen Aspekt der Kunden sehen. Tamedia dagegen verfügt dank ihrer thematischen Breite und ihren vielfältigen Kontakten über ein viel umfassenderes Bild der Enduser.

Der breite Datenstrom, der sich aus den verschiedenen Firmen des Portfolios speist, kann wiederum für die Produkt- und Angebotsgestaltung genutzt werden. Gleichzeitig ermöglicht er Innovationen im Marketingbereich. Zum Beispiel optimiert das im vergangenen Jahr aufgebaute und gruppenweit agierende Marketing-Kompetenzzentrum mit komplexen Modellen den Marketingmix, sodass die Marketingbudgets bestmöglich eingesetzt werden.

5. Die Globalisierung schreitet ungebremst voran

Die zeitlichen und strukturellen Hürden in der digitalen Welt liegen deutlich niedriger als in den traditionellen Märkten. Die grossen internationalen Spieler wie Amazon, Facebook oder Google machen sich deshalb überall breit. Demnächst ist damit zu rechnen, dass auch starke chinesische Anbieter nach Europa drängen.

Um sich gegen die digitalen Riesen zu behaupten, setzt Tamedia auf starke Produkte, konsequenten Enduser-Fokus, starke Stellungen in einzelnen Märkten und ihre grosse Nähe zu den lokalen Gegebenheiten.

Tamedia verharrt jedoch nicht in einer Reduit-Mentalität und beschränkt sich nicht auf die Verteidigung ihrer starken Marktpositionen. Das Unternehmen internationalisiert sich. Ricardo zum Beispiel beschäftigt mittlerweile Mitarbeitende aus 40 Nationen, die Firmensprache ist Englisch. Zattoo hat im vergangenen Jahr einen neuen Geschäftssitz in Singapur eröffnet, um von dort aus in der Asien-Pazifik-Region weiter zu expandieren.

Tamedia hat ihr formelles und informelles Netzwerk in ganz Europa und punktuell darüber hinaus stark ausgebaut. Auf diese Weise gelingt es, jährlich rund 1500 Firmen für Investitionen im In- und Ausland zu prüfen. Tamedia ist dauernd an Investitionsvorhaben im europäischen Ausland präsent.

Dabei geht es darum, in einem bereits bekannten Markt neue Geschäfte zu wagen oder mit einem bekannten Geschäft in neue Märkte zu expandieren. Neue Geschäfte in neuen Märkten sind dagegen kein Thema.

Know-how ist eine wichtige Ressource: Tamedia-Mitarbeitende Eloy van der Sman, Jean-Claude Gerber, Meryem Riahi und Albina Muhtari.

6. Geld allein reicht nicht

Seit einigen Jahren ist Kapital für Investitionen meist reichlich vorhanden. Start-ups und etablierte Anbieter können sich die Investoren aussuchen. Die wirklich knappen Ressourcen sind Know-how, Erfahrung und Fähigkeiten.

Die Digitalisierung hat Tamedia umfassend und tiefgreifend verändert und tut dies weiterhin. Durch die thematische Breite des Portfolios und die wachsende Internationalität und Diversität kann Tamedia umfassendes Know-how in ihre Portfoliofirmen einbringen und diese mit dem Management gemeinsam weiterentwickeln. Dies stellt sich immer mehr als grosser Vorteil gegenüber reinen Kapitalgebern heraus. Dabei muss Tamedia nicht immer die Kontrolle besitzen, solange sie strategisch Einfluss nehmen kann.

7. Synergien werden zum Wettbewerbsvorteil

Aufgrund der ständigen Steigerung der Leistungen von Prozessoren und Bandbreiten sowie der hohen technologischen Fixkosten in der Entwicklung von digitalen Angeboten entstehen in der Netzökonomie bedeutende Grössenvorteile. Davon profitieren die grossen internationalen Spieler besonders.

Für die anderen Mitbewerber werden deshalb die erzielbaren Synergien in der strategischen Optimierung des Digitalportfolios immer wichtiger. Das Tamedia-Portfolio besteht aus vielen Classifieds, Marketplaces, Ventures und publizistischen Marken. Tamedia als Ganzes ist jedoch weit mehr als die Summe seiner Einzelteile.

Die Wertsteigerung ergibt sich aus Managementsynergien beim Aufbau und der Integration von digitalen Aktivitäten, durch die aktivitätenübergreifende Koordinierung von Prozessen in Entwicklung und Produktion sowie durch crossmediale Synergien in der Vermarktung.

Ein Team von weit über 100 Experten unterstützt die Portfoliogesellschaften ebenso wie die digitalen publizistischen Angebote.

Wirksam werden diese Synergien unter anderem bei der Bewirtschaftung der Daten, bei firmenübergreifenden Angeboten und gemeinsamen Infrastrukturen. So profitieren die digitalen Angebote zum Beispiel von der grossen Reichweite der starken publizistischen Marken der Tamedia, oder der TV-Streamingdienst Zattoo profitiert von der Partnerschaft mit dem TV-Vermarkter Goldbach, der im vergangenen Jahr übernommen wurde.

Ein Team von weit über 100 Experten in den Bereichen Mergers and Acquisitions, Data Analytics, Engineering, UX, Product Innovation und Marketing unterstützt die Portfoliogesellschaften ebenso wie die digitalen publizistischen Angebote. Die Experten agieren als interne Berater und kombinieren so die Geschwindigkeit und hohe unternehmerische Agilität eines Portfolioansatzes mit den Vorteilen von grösseren Skaleneffekten.

Schlüsselfunktion der Unternehmenskultur

Die Classifieds, Marketplaces und Venture-Aktivitäten von Tamedia wachsen und entwickeln sich ständig weiter. Tamedia richtet sich dabei konsequent an den Nutzern aus.

Die thematische Breite der digitalen Angebote, die starke Marktposition und die zunehmende Internationalität eröffnen den Mitarbeitenden spannende Karrieremöglichkeiten und die Chance, wirklich etwas zu bewegen. Dies ermöglicht es Tamedia, die für die Bewältigung des raschen Wandels nötigen Talente zu finden und zu halten.

Tamedia ist heute gleichzeitig ein moderner Verlag und ein digitales Unternehmen, das den Vergleich mit anderen digitalen Spielern nicht zu scheuen braucht. Datengetriebene Geschäftsmodelle, das Zusammenwirken aller Firmen und Abteilungen, die konsequente Ausrichtung auf die Nutzer und die agile Anpassung an das sich dynamisch entwickelnde Umfeld prägen eine Unternehmenskultur, welche die digitale Transformation erst möglich macht.


Podiumsdiskussion: Die Zukunft des Journalismus

Sinkende Auflagen, schrumpfende Werbung, rasante Digitalisierung, die Vertrauenskrise nach dem Fälscherskandal Relotius: Darüber diskutieren am 2. April: Mathieu von Rohr, Stv. Leiter Ressort Ausland «Spiegel»; Melinda Nadj Abonji, Schriftstellerin; Michael Marti, Chefredaktion Tamedia; Regula Rytz, Präsidentin Grüne und Diego Yanez, Direktor MAZ. Moderation: Sandro Benini, Tamedia.

2. April, 19.00 Uhr
Hauptgebäude Tamedia, Zürich
Tickets: hier bestellen

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